Station 1 - Gemeindepolitik

Station 1 - Gemeindepolitik

Außerfern - Weg ins Deutsche Reich

Durch das Außerfern führte schon immer eine wichtige Handles- und Verkehrsroute. Bereits 1935 schmiedete die deutsche Wehrmacht Pläne, um ins Außerfern einzudringen. Das militärisch geschwächte Österreich war von Italien abhängig. Deshalb vermutete das Deutsche Reich, dass die Italiener einen Angriff auf Österreich planen könnten. Diese Chance wollten sie sich nicht entgehen lassen und erstellten erste Konzepte, um Österreich für sich zu erobern. Daher wurde von Seiten des Deutschen Reiches ein Überfall auf Tirol geplant, bei dem das Außerfern als Aufmarschgebiet vorgesehen gewesen war.

Amtsgebäude in Reutte – 13. Mai 1938 (Archiv Stadtgemeinde Reutte)

Amtsgebäude in Reutte – 13. Mai 1938 (Archiv Stadtgemeinde Reutte)


Aufgrund der ungewissen politischen und wirtschaftlich schlechten Lage in Österreich, erhielten die Nationalsozialisten auch von den Bürgern des Außerferns immer mehr Zuspruch. Aufsehen erregte die NSDAP mit der Sprengung der Hochdruckleitung des Elektrizitätswerks Reutte, am 20. Juli 1934. Dies war der größte und spektakulärste Sabotageakt in unserer Umgebung und in Österreich. Nicht nur dieser Vandalismus, sondern auch die Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermöglichte den Auftakt zu Terrormaßnahmen. Bereits 1937 wurden die Nationalsozialisten in unserer Heimat aktiv. Sie verstreuten an öffentlichen Wegen und Plätzen Hakenkreuze, die aus Papier oder Pappe waren, um so die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Im Außerfern machten sich diesbezüglich einige Parteianhänger zu Schulungen in die NS-Ordensburg nach Sonthofen auf.

Eine Lermooser Zeitzeugin erzählt:

Zur damaligen Zeit gab es einige fanatische Nazis in Lermoos. Durch die Zeitung wurde man über die politischen Situationen in Österreich informiert. Sie waren richtig begeistert von Hitler. Jeder wusste insgeheim schon, dass es Krieg geben würde. Und als man die ersten Männer einzog, war es sowieso klar.


Die NSDAP gewann in ganz Österreich regen Zulauf und konnte den Großteil der Bevölkerung begeistern. Durch den Druck Hitlers wurde die angesetzte Volksbefragung, die zur Rettung Österreichs dienen sollte, nicht durchgeführt. Schuschnigg trat als Bundeskanzler zurück. 

In einer Radioansprache rief er „Gott schütze Österreich“ und nahm den Einmarsch deutscher Truppen widerstandslos hin. Am 12. März 1938 marschierten die Deutschen unter großem Jubel und Beifall in Österreich ein. Der neue Kanzler war Seyß-Inquart, der „Eintritt“ der Heimat Hitlers in das Deutsche Reich war vollzogen.

Tag der Volksabstimmung – Gemeindeamt Reutte – 10. April 1938 (Archiv Stadtgemeinde Reutte)

Tag der Volksabstimmung – Gemeindeamt Reutte – 10. April 1938 (Archiv Stadtgemeinde Reutte)


Im Bezirk Reutte war Hitler besonders willkommen. Die Bevölkerung zog bereits nach der Kundmachung in den Zeitungen mit Fahnen in den Ortschaften singend umher. Die Menschen hatten die große Hoffnung, durch den Anschluss an Deutschland eine wirtschaftliche Besserung zu erfahren.

Nach dieser Verlautbarung war die Freude und Begeisterung in unserem kleinen Ort Lermoos groß. Am Sonntagnachmittag trafen sich ca. 250 Personen, um einen Aufmarsch durchs Dorf zu veranstalten. Die Musikkapelle marschierte vorneweg und untermalte den Festakt. Bereits einige Tage danach wurden die ersten Hakenkreuzfahnen an den Hausgiebeln angebracht. Sogar auf dem Kirchturm wurde eine Hakenkreuzfahne befestigt.

Am selben Tag fand am Abend noch eine Fackelwanderung mit geschätzten 800 Personen vom Bahnhof bis zum Kirchplatz statt, um ein eindeutiges Bekenntnis zum Führer und Reichskanzler Adolf Hitler abzulegen.

Am 10. April 1938 kam es zu einer Volksabstimmung, um den Anschluss an das Deutsche Reich rechtfertigen zu können. Das Volk sollte hinter dem NS-Regime stehen. Die Volksabstimmung war alles andere als eine freie, demokratische Wahl. Dies ist auf dem Wahlzettel gut ersichtlich. Lermoos war eine von 15 Gemeinden im Außerfern, die nicht geschlossen für den Anschluss abstimmte.

Wahlwerbung für die Volksabstimmung – 10. April 1938 (Stadtarchiv Innsbruck)

Wahlwerbung für die Volksabstimmung – 10. April 1938 (Stadtarchiv Innsbruck)


Am Samstag, den 16. April 1938 konnte man im „Außferner Bote“ Folgendes lesen:

Wie schon bekannt ist, wird allen Gemeinden eine Urkunde über die Daten der Wahl am 10. April ausgestellt. Bei jenen Gemeinden nun, die 100%ig für den Führer gestimmt haben, wird er selbst eine Unterschrift unter dieses herrliche Dokument setzen. Es ist klar, dass auch der Stolz der Außerferner, die sich als alte und treuste Kämpfer rühmen können, eine möglichst große Anzahl solcher Führungsgemeinden werben sollte.“

Der Führer im Außerfern willkommen (Außferner Bote, 19. März 1938, Nr. 22)

Der Führer im Außerfern willkommen (Außferner Bote, 19. März 1938, Nr. 22)


Stimmzettel Wiedervereinigung Österreich mit dem Deutschen Reich (Gemeindearchiv Lermoos)

Stimmzettel Wiedervereinigung Österreich mit dem Deutschen Reich (Gemeindearchiv Lermoos)


Gemeindepolitik in Lermoos

In vielen Gemeinden wurde der bestehende Bürgermeister von der SS (Schutzstaffel) abgesetzt und durch einen neu bestimmten ersetzt. So trug es sich auch in Lermoos zu. Der Bürgermeister Carl Rieder und der komplette Gemeinderat wurden von der SS abgesetzt. Seine letzte Gemeinderatssitzung hielt Carl Rieder am 4. März 1938 ab. Am 18. März 1938 übernahm bereits Rudolf Sam den Gemeindevorsitz.

Kurzer Ausschnitt der Übergabe, aus dem Protokoll vom 16. März 1938:

Nach Eröffnung der Sitzung durch den bisherigen Bürgermeister weist Genannter auf die letzten politischen Ereignisse, auf die Heimkehr der Deutschen Österreichs in das Mutterland Deutschland hin und erklärt auftragsgemäß, dass der bisherige Gemeindetag infolge der allgemein angeordneten Umstellung als aufgelöst erklärt wird. Der Sprecher weist weiters daraufhin, dass die Geschicke der Gemeinde nunmehr in die Hände des neu ernannten Bürgermeisters Rudolf Sam gelegt würden und bittet die Anwesenden, auch weiterhin zum Wohle des Heimatörtchens Lermoos und für eine glückliche Zukunft des nunmehr geeinten gesamten deutschen Volkes das Beste beizutragen. Mit Worten herzlichen Dankes für die bisherige wertvolle Mitarbeit schließt Carl Rieder.

Anschließend hieran dankt Bürgermeister Rudolf Sam dem scheidenden Altbürgermeister und dem Gemeindetag auch seinerseits für die bisherigen Leistungen zum Wohle der Gemeinde und bittet die Anwesenden, auch ihm und dem neuen Gemeindetag treu zur Seite zu stehen, da auch er nur das Beste im Interesse der Gemeinde Lermoos wolle. Mit nochmaligen herzlichen Dankensworten wird die Sitzung beschlossen.“

Carl Rieder - Bürgermeister von 1932-1938 und von 1945-1948 (Gemeindearchiv Lermoos)Carl Rieder - Bürgermeister von 1932-1938 und von 1945-1948 (Gemeindearchiv Lermoos)


Quellen: 

  • Archiv der Gemeinde Lermoos
  • Archiv der Stadtgemeinde Reutte
  • Außerferner Bote – Ausgaben zwischen 1933 und 1946
  • Schreiber, H. (2007). 1938 – Der Anschluss in den Bezirken Tirols. Innsbruck: Studienverlag
  • Stadtarchiv Innsbruck