
Tourismusaufbau - Zwischenkriegszeit
Der Tourismus in Tirol entwickelte sich bereits früh, da die Berge für die Menschen schon immer eine besondere Anziehungskraft ausübten. Die frische Luft, die malerischen Bergwiesen, das alpine Flair, die Ruhe und die beeindruckende Aussicht machten die Region zu einem beliebten Reiseziel. Ende der 1920er Jahre wurden erste Pläne für den Bau von Seilbahnen geschmiedet, die später realisiert wurden. Die Entwicklung des Tourismusgebietes Tirol schritt stetig voran: der Ausbau des Straßennetzes wurde vorangetrieben und der Flughafen Innsbruck eröffnet. Zudem fanden in unserer Heimat die ersten Skirennen statt und es wurden Skischulen, sowie Skiclubs gegründet. Auch mit der Mittenwaldbahn (Eisenbahn) reisten zahlreiche Gäste nach Lermoos, um dort ihre Sommerfrische oder den Winterurlaub zu verbringen.
In den 1930er Jahren behinderten jedoch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise die Weiterentwicklungen des Fremdenverkehrs. Viele Menschen verfügten kaum über genügend Geld, um in den Urlaub zu fahren. Zusätzlich erließ die nationalsozialistische Regierung am 29. Mai 1933 in Deutschland eine Verordnung, die als „1000-Mark-Sperre“ bekannt wurde. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde der Tourismus vorerst eingestellt.

Hotel Post (Gemeindearchiv Lermoos)

Mittenwaldbahn (Gemeindearchiv Lermoos)
Inflation und 1000-Mark-Sperre
Nach dem Ersten Weltkrieg endete die damals mächtigste Donaumonarchie. Die im Friedensvertrag von Saint-Germain 1919 diktierten Gebietsverluste machten Österreich nicht nur finanziell zu schaffen. Das Land war nicht mehr in der Lage, sich selbst zu ernähren, da die Kornkammern alle außerhalb des neuen Staatsgebietes lagen. Die Missstimmungen in der Bevölkerung nahmen stetig zu und die Hoffnung sowie der Glaube schwanden, dass ein kleines, politisch bedeutungsloses Land überleben könne. Die Tiroler waren zu dieser Zeit für den Anschluss an Deutschland, da sie Wien die Schuld am Verlust von Südtirol und der allgemein schlechten Situation gaben. Sie glaubten, dass die Überlebenschancen höher wären, wenn Tirol Teil eines größeren Reiches wäre. Jedoch wurde im Friedensvertrag ein Anschlussverbot festgelegt, wodurch Österreich weiterhin zur Selbstständigkeit gezwungen war.
Aufgrund tiefgreifender Reformen verbesserte sich die Situation in Österreich ein wenig. Die Regierungskoalition bestehend aus Sozialdemokraten und Christlichsozialen leitete folgende Verbesserung im Sozialwesen ein: die Mindestlöhne, der soziale Wohnungsbau, eine Arbeitslosen- und Invalidenversicherung oder ein einwöchiger Urlaubsanspruch durch den Sozialdemokraten Karl Renner. Im Dezember 1924 wurde die neue Währung, der Schilling in Umlauf gebracht. Dies verbesserte die wirtschaftliche Situation in Österreich. Die beiden Parteien arbeiteten anfänglich erfolgreich zusammen, jedoch wuchs das gegenseitige Misstrauen.

Gasthaus Bahnhof (Gemeindearchiv Lermoos)
Anfang der 1930er Jahre gelang es einer in Tirol eher noch unbedeutenden Partei, die Bevölkerung anzusprechen: der von Deutschland unterstützten NSDAP. Zeitgleich löste eine Wirtschaftskrise in New York einen plötzlichen und tiefgreifenden Wandel aus. Es entstand eine beispiellose Massenarbeitslosigkeit. Die Preise für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse waren niedrig, wodurch die Verzweiflung der Bevölkerung erheblich zunahm. Arbeiter, Handwerker, kleine Gewerbetreibende und Bauern, Mägde und Knechte traf das Elend besonders stark. Selbstmorde und Verzweiflungstaten häuften sich. In einigen Akten und Matriken ist nachzulesen, dass sich auch Einheimische in dieser schier ausweglosen Situation für den Freitod entschieden.
Im Bezirk Reutte war die Lage nicht viel besser. Im Juni 1937 berichtete der „Außferner Bote“, dass die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen verschwiegen werden sollte – sie wurde auf das Doppelte der offiziell angegebenen 800-1000 geschätzt.
Die NSDAP versprach Brot, Arbeit und Löhne. Sie setzte sich für die Ausschaltung der Gewerkschaft, der Sozialdemokratie und des „Judentums“ ein und garantierte den Anschluss an Deutschland.

Pension Grubigstein (Gemeindearchiv Lermoos)

Schlittenlift (Gemeindearchiv Lermoos)
Mit der Machtübernahme Hitlers in Deutschland verfolgten die Nationalsozialisten das Ziel, ihre Ideologie durchzusetzen. Als im Juni 1933 die NS-Partei verboten wurde, führte Hitler die 1000-Mark-Sperre ein. Jeder deutsche Bürger, der nach Österreich wollte, musste eine Gebühr von 1000 Reichsmark (ca. 4200 €) entrichten. Es konnte kaum ein Urlauber, diese zusätzlichen Kosten aufbringen, was zur Folge hatte, dass die Reisenden ausblieben. Der NSDAP ging es darum, den Fremdenverkehr als wichtigsten Wirtschaftszweig lahm zu legen oder wenigstens aufs empfindlichste zu treffen.
Die Auswirkungen der 1000-Mark-Sperre waren auch für den Grenzort Lermoos katastrophal. Zum Teil standen die Gästeunterkünfte leer und die Vermieter hatten keine Einnahmen mehr. Gäste beschwerten sich über die Belästigungen und Übergriffe der SA-Leute.
Eine Zeitzeugin aus Lermoos berichtet:
„Es war für die Gäste nicht verständlich, dass Österreich keinen besseren Grenzschutz gegen diese „deutschen Wegelagerer und Banditen“ vornahm, sondern nur aus einer Abteilung Hilfspolizei bestand.
Unsere Zimmer blieben leer und wir hatten keine zusätzlichen Einnahmen mehr. Es war recht schwierig für uns, alles Finanzielle zu stemmen, besonders weil wir viele Kinder zu ernähren hatten. Hitler wollte uns in die Knie zwingen und das hatte er auch geschafft. Das schlimmste war die Ungewissheit, immer dieses Hoffen, dass es irgendwann besser wird und alles gut wird. Ich konnte oft nachts nicht schlafen, weil ich mir Sorgen machte, dass es wieder einen Krieg geben und ich meine Familie verliere könnte. Wir hörten nämlich immer wieder, dass es politisch nicht gut lief, jedoch die Wahrheit und was im Hintergrund alles geschah, sagte keiner. Es war eine sehr unsichere Zeit für uns und immer diese Angst, die man innerlich verspürte.“ 
Cafe Mair (Gemeindearchiv Lermoos)
Die Aufhebung der 1000-Mark-Sperre am 11. Juli 1936 bedeutete jedoch nicht den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung im Bezirk Reutte. Es wurde die Devisenbeschränkung in Deutschland eingeführt. Außerdem ließen die erschwerten Kontrollen an den Grenzen keine Belebung aufkommen. Jeder deutsche Staatsbürger musste beim Grenzübertritt ein Devisenkontobuch bei sich haben, in welchem die Grenzorgane jeden, auch kleinsten Scheidemünzenbetrag einzutragen hatten.

Schlittenlift (Gemeindearchiv Lermoos)
Lermoos und der Tourismus im Nationalsozialismus
An der wichtigen europäischen Nord-Südverbindung gelegen, hatte Lermoos schon immer viele Menschen aus anderen Ländern zu Gast.
In der Fremdenzeitung von 1896 stand Folgendes zu lesen:
„Unter den Sommerfrisch- und Touristenstationen am viel gerühmten Fernpass unweit der Nordgrenze Tirols nimmt das schön gelegene Alpendorf Lermoos einen der allerersten Plätze ein.“
Berühmte Sommergäste wie etwa die bayrische Königsmutter und ihre Söhne Otto und König Ludwig II. weilten viele Sommer in Lermoos. Auch Kaiserin Louise, Gemahlin Napoleons I., Johann Wolfgang von Goethe, Professor von Röntgen, Kaiser Friedrich III. Erzherzog Albrecht von Österreich und noch einige mehr waren zu Gast in unserer Heimat. Meistens kamen die Gäste allerdings nicht der Erholung wegen, sondern waren nur auf der Durchreise.
Die Wohnungsliste von Lermoos vom Jahre 1939 wies zwei Hotels, sechs Gasthäuser, ein Restaurant und 31 Privatzimmervermieter auf. Kurz vor dem Auflassen des Verkehrsvereins wurde noch ein Werbeprospekt für die Vermietungen in Lermoos gedruckt. Die Bevölkerung versuchte alles, um die Gastbetriebe aufrecht zu erhalten, immerhin blieben die Gäste aus Deutschland nach der 1000-Mark-Sperre aus. Der ein oder andere vereinzelte Gast fand dann doch immer wieder seinen Weg nach Lermoos. Mit der Vermietung konnten die Einheimischen kaum mehr Geld einnehmen. Einige Vermieter vermieteten ihre Zimmer oder Wohnungen auch an Dauergäste, die Zuflucht suchten und aus Kriegsgebieten geflohen waren. Am 12. September 1940 wurde der Verkehrsverein von den Nationalsozialisten aufgelöst und erst 1949 wieder neu gegründet. In der Entwicklung des Tourismus gab es nach 1945 entscheidende Impulse.

Gasthof Gries (Gemeindearchiv Lermoos)

"Schellaklocker" (Gemeindearchiv Lermoos)

Sport und Ski Hofherr Theodor (Privatfoto: Zoller Viktoria)

Theo Hofherr, Skilehrer & Skischulgründer (Gemeindearchiv Lermoos)

Tiroler Skimeisterschaft in Lermoos (Gemeindearchiv Lermoos)

Postbushaltestelle (Gemeindearchiv Lermoos)

Gasthof zur Rose im Unterdorf (Gemeindearchiv Lermoos)

Prospekt Wohnungsliste von Lermoos (Gemeindearchiv Lermoos)
Prospekt Wohnungsliste von Lermoos (Gemeindearchiv Lermoos)
Quellen:
- Archiv der Gemeinde Lermoos
- Familienarchiv Zoller Viktoria, Lermoos
- Lipp, R. (2013). Reutte von 1918 bis 1938 – Schicksalsjahre zwischen den Weltkriegen
- Tiroler Landesarchiv, Innsbruck