
Agrarwirtschaft und Landwirtschaft im Nationalsozialismus
Die Agrarwirtschaft war im Nationalsozialismus von großer Bedeutung. Die Planung dieses Wirtschaftszweiges wurde von den Nationalsozialisten bereits vor der Machtergreifung ausführlich ausgearbeitet und durchdacht. Das Ziel war es, vor allem die Bauern als Wähler- und Anhängerschaft zu gewinnen. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen einige Landwirte in Bedrängnis, denn viele Höfe, Maschinen und Gebäude mussten neu aufgebaut werden. Dadurch kam es zu erheblichen Neuverschuldungen der Bauern. Auch das Zinsniveau stieg auf das Doppelte an. Die finanzielle Belastung durch Einkommens- und Grundsteuer nahm zu. Dies führte zur allgemeinen Wirtschaftskrise. Die Folge waren Pfändungen mit Zwangsversteigerungen von Vieh, Land und landwirtschaftlichen Betrieben. Die NSDAP fand regen Zuspruch bei den Landwirten, denn sie versprachen zu helfen.

Lermoos - Unterdorf (Gemeindearchiv Lermoos)

Lermoos (Gemeindearchiv Lermoos)

Unterdorf (Gemeindearchiv Lermoos)
Aufbauwirtschaft
In der Landwirtschaft gab es ein eigenes Programm, welches unter dem Namen Gemeinschaftsaufbau im Bergland geführt wurde. Die strukturellen, produktionstechnischen und sozialen Bedingungen eines Dorfes, einer Talschaft und in der Folge eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes sollten im Bergland grundlegend erneuert werden. Die Aufgabe der Gauleiter war es, bestimmte Gemeinden zu wählen, die zu Aufbaugenossenschaften ernannt wurden. Diese unterstanden einem Aufbauleiter. Im Zuge dieses Projektes sollten die Ernährungslager für die kommenden Kriegsjahre gesichert werden. Für die Zeit nach dem Krieg wollte man „Muster-Landwirtschaften“ schaffen. Auch im Gau Tirol-Vorarlberg wurden dreißig Gemeinden auserwählt und zu einer Aufbaugenossenschaft ernannt.
Die Bauern konnten ihr Vieh gegen hochwertiges Zuchtvieh kostenlos tauschen. Die Gemeinde Lermoos wurde keine Aufbaugenossenschaft. Allerdings musste sich der Lermooser Ortsgruppenleiter um die Bauern im Dorf kümmern und sie beaufsichtigen. 1938 erfolgte der Einmarsch. Dieser wurde größtenteils positiv aufgenommen, denn in Österreich herrschte große Armut. Einige Bauern waren kurz vor dem Bankrott, jedoch wurde vielen durch die Aufbauwirtschaft der Nationalsozialisten geholfen. Es wurde eine Umschuldung durchgeführt. Die Kredite der verschuldeten Bauern wurden in langfristige Zahlungsverpflichtungen umgewandelt. Die landwirtschaftlichen Betriebe erhielten aufgrund der Umschuldung Zuschüsse und teilweise sogar Darlehen, die nicht mehr zurückgezahlt werden mussten. Allerdings wurden die Bauern dadurch vom NS-Staat abhängig. Dieser wurde zum Hauptgläubiger und über alle Vorgänge informiert. Die Nationalsozialisten erhielten dadurch immer mehr Macht.

Heuarbeiten - "Huanza" (Gemeindearchiv Lermoos)

Frauen bei der bäuerlichen Arbeit (Gemeindearchiv Lermoos)

Heueinholung Unterdorf (Gemeindearchiv Lermoos)
Almwirtschaft
Die Almwirtschaft war ebenfalls ein wichtiger Faktor zur damaligen Zeit. Für Alpangelegenheiten gab es einen eigens dazu bestellten Ausschuss – Alpkomitee bezeichnet. Dieser beratschlagte und brachte die Vorschläge dem Gemeinderat und dem Agrarausschuss vor. Für jede Alm war ein Alpmeister gewählt worden. Während des Krieges war ein Überschuss an Almpersonal vorhanden, weil dies eine Möglichkeit war, vom Militärdienst enthoben zu werden. Den Nationalsozialisten war es sehr wichtig, dass die Almwirtschaft aufrecht blieb, um die Bevölkerung zu ernähren. Die ausgebildeten Senner wurden beauftragt, viele Milchprodukte auf den Almen herzustellen und wurden nicht einberufen, um an der Front zu kämpfen. In Lermoos gab es eine Sennalpe – die Tuftlalm oder auch Lermooser Alm genannt. Diese wurde trotz Krieg bewirtschaftet. Die produzierten Produkte wurden mehrmals wöchentlich ins Tal geliefert oder von den Bauern abgeholt.
Ein Zeitzeuge erzählt:
„Mein Vater war ausgebildeter Senner und war in seinem Handwerk sehr gut und übte es mit Leidenschaft aus. Vorerst bekam er keine Einberufung fürs Militär, denn er musste auf der Alm sennen, damit die Leute im Dorf mit Milchprodukten versorgt werden konnten. Jeder konnte nämlich nicht einfach so Milchprodukte herstellen, das musste man schon können. Kurz vor Kriegsende wurde er aber doch noch von den Nazis zum Krieg einberufen und musste an die Front nach Russland. Nach dem Krieg war er dort auch noch ein Jahr lang in Gefangenschaft. Wir wussten nicht, ob wir ihn überhaupt noch einmal lebend wiedersehen werden. Täglich bin ich zum Bahnhof gegangen, um zu schauen, ob er vielleicht mit einem der Züge anreist. Er hatte eine schwere Zeit im Gefangenenlager erlebt. Sie bekamen kaum etwas zu essen, mussten hart schuften und erlebten viel Leid. Als er zu unserer Familie zurückkehren durfte und ich ihn nach so langer Zeit wieder in meine Arme schließen konnte, war er nicht mehr derselbe. Er war geprägt worden von den Eindrücken im Krieg und im Gefangenlager und er kam kranker nach Hause. Die Ärzte gaben ihm nicht viel Chancen, um lange zu überleben. Meine Mutter kümmerte sich sehr um ihn, dass er bald wieder zu Kräften kommen würde. Er durfte von diesem Zeitpunkt an noch 10 Jahre mit uns verbringen, dann ging er heim zu Gott. Seine Nierenfunktion war seit der Gefangenschaft nicht mehr richtig intakt. Wie es jedoch dazu kam, dass mein Vater schlussendlich doch einberufen wurde, war eine andere Geschichte. Mein Vater war kein Anhänger der Nationalsozialisten und weigerte sich die Ideologien zu verfolgen und mitzumachen. Er traute es sich in der Öffentlichkeit nicht laut auszusprechen, denn sonst würde er gleich verhaftet werden. Zu Hause, hinter unseren eigenen vier Wänden, weigerte er sich jedoch ein Bild von Hitler aufzuhängen. Wir wurden sehr christlich erzogen und er betete mit uns Kindern lieber ein Gebet oder den Rosenkranz, als fanatisch den Nazis die Zeit zu schenken. Das Radiogerät, das wir besaßen, wurde kaum eingeschaltet, denn er konnte sich die Nazi-Ansprachen nicht mehr anhören. Gegenüber einem seiner sehr guten Freunde äußerte er sich jedoch einmal darüber, dass er die nationalsozialistischen Ideologien nicht vertrat. Sein Freund war leider sehr von den Nazis überzeugt und verriet ihn beim nächsten GESTAPO-Posten. Somit bekam er umgehend einen Einberufungsbefehl und musste an die Front. So lernt man „gute Freunde“ kennen und weiß, wie man bei ihnen dran ist, wenn man verraten wird. Mein Vater wollte mit dem Mann nichts mehr zu tun haben. Ich persönlich hatte lange damit zu hadern, dass wir wegen so einem, unseren Vater auf irgendeine Weise verloren hatten. Als ich einmal von meinem Beruf aus auf seinen Hof musste, konnte er mich kaum ansehen und mir einen Blick würdigen. Sein schlechtes Gewissen hat ihn geplagt. Was Familien oft aushalten oder mitmachen müssen ist nicht in Wort zu fassen“
Lermooser Alm - Tuftlalm (Gemeindearchiv Lermoos)

Lermooser Alm mit Upsspitze und Daniel (Gemeindearchiv Lermoos)

Alphütten im Gartnertal (Gemeindearchiv Lermoos)

Tuftlalm Lermoos (Gemeindearchiv)
Quellen:
- Archiv der Gemeinde Lermoos
- Schreiber, H. (2007). Nationalsozialismus und Faschismus in Tirol und Südtirol. Innsbruck: Studienverlag.
- Siegl, G. (2005). "Gemeinschaftsaufbau" im Bergland während der NS-Herrschaft in Österreich 1938-1945. Innsbruck: Studienverlag.