
Lermooser Kriegsgefangenenlager
Von September 1940 bis November 1941 waren 40 französische Gefangene im Gefangenlager in Lermoos untergebracht. Die Gefangenen waren als Arbeiter für die Wildbachverbauung tätig. Sie wurden auch als Erntearbeiter eingesetzt und wohnten damals im „neuen“ Schießstand.

Heuernte im Widum mit zwei französischen Gefangenen (Gemeindearchiv Lermoos)
Landdienstlager für Mädchen
Die jungen Mädchen im Deutschen Reich mussten einen Reichsarbeitsdienst (Landdienst) absolvieren. Zuerst war die Teilnahme freiwillig, dann ab dem Jahre 1938 wurde sie zur Pflicht. In der Anordnung zum 15. Februar hieß es:
„Ledige weibliche Arbeitskräfte unter 25 Jahren dürfen von privaten und öffentlichen Betrieben und Verwaltungen als Arbeiterinnen oder Angestellte nur eingestellt werden, wenn sie eine mindestens einjährige Tätigkeit in der Land- und Hauswirtschaft durch das Arbeitsbuch nachweisen.“
1940 befanden sich etwa 200.000 Frauen im gesamten Deutschen Reich im Pflichtjahr.
Von den oberen Herren wurde klar und deutlich bestimmt, was die Mädchen zu leisten hatten:
„Das deutsche Volk braucht keine dummen, ichsüchtigen Modepuppen, keine verhätschelten Haustöchter, die sich noch mit 20 Jahren mit Vorliebe von ihrer alten Mutter bedienen lassen. Das deutsche Mädchen muss um die Nöte und Gefahren wissen, die ein Volk bedrohen können.“
Es ist nicht genau bekannt, ob es in Lermoos auch ein Landdienstlager für Mädchen gab. Anhand von Fotos und deren Beschriftungen könnte es jedoch möglich gewesen sein. Die Pflichtjahrmädchen könnten aber auch in dem BDM-Lager Ehrwald (Bund deutscher Mädel Lager) stationiert gewesen sein, das es laut eines Tagebucheintrages einer Lermooserin gab. Leider ist nicht allzu viel über dieses Lager bekannt. Die Frauen wurden auch in privaten Unterkünften eingesetzt, mussten jedoch am Abend wieder zum Lager zurückkehren.
Die Lermooserin schrieb in ihrem Tagebuch:
„Wir hatten ein junges Mädel bei uns in der Familie aufgenommen. Sie wurde uns zugeteilt und musste der Mutter im Haushalt und im Stall helfen. Sie kam früh morgens zu uns und abends musste sie wieder zurück ins Lager. Über das Lagerleben durfte sie uns nichts erzählen. Sie erwähnte nur einmal, dass die Schlafplätze keine guten waren und sie dort kaum schlafen konnte. Ich glaube, dass sie sich bei uns wohlgefühlt hat. Immerhin hat sie meine Mutter gut bei uns aufgenommen und sie gut behandelt. Sie hatte neben der Arbeit auch oftmals die Aufgabe mit uns Kindern zu spielen und auf uns aufzupassen. Glücklich war sie nicht immer, sondern oftmals traurig, weil sie weit weg von ihrer Familie war. Sie war sehr pflichtbewusst und erschien immer pünktlich zum Dienst. Das Mädel brachte täglich ihr Arbeitsbuch mit, das sie in ihrer Schürze trug. Dort musste meine Mutter ihre verrichteten Arbeiten eintragen und bewerten. Leider war sie nach einiger Zeit weg. Meine Mutter erzählte mir, dass sie keinerlei Informationen erhalten hatte, wohin das Landdienstlagermädchen gebracht wurde. Sie war einfach nicht mehr da, als wäre sie nie dagewesen.“
27. Mai 1940 – Pflichtjahrmädchen mit einer jungen Lermooserin auf dem Arm (Privatfoto: Zoller Viktoria)
Reichsarbeitsdienstlager
Der deutsche Reichsarbeitsdienst (RAD) wurde bereits 1935 für alle jungen Männer im Alter von 18 und 25 Jahren verpflichtend eingeführt. Die Nationalsozialisten wollten die Arbeitslosigkeit bekämpfen und den Arbeitsmarkt spürbar entlasten. Die kostenlos angestellten Männer wurden zur Verbesserung der Infrastruktur eingesetzt. Sie waren für sechs Monate im Dauerarbeitseinsatz und verrichteten vor allem Erd- und Forstarbeiten, Straßenbau und Moorentwässerung. Im Lagerleben war jeder zu militärischer Disziplin verpflichtet.
Zwar gab es in Lermoos kein Reichsarbeitslager, aber im Nachbarort Ehrwald entstand das erste Tiroler Lager, benannt nach dem „SA-Mann Sylvester Fink“ mit der Nummer 1/330. Er war angeblich der erste gefallene SA-Mann in Tirol. Die ersten RAD-Männer wurden bereits Ende Oktober 1938 verabschiedet. Am 2. November wurden wieder 260 neue Reichsarbeitsdienstmänner nach Ehrwald gebracht, die dort ihre sechsmonatige Dienstpflicht verrichteten. Ihre Hauptaufgabe war die Entwässerung des Talbeckens. 360 Hektar versumpfte Wiesen sollten trockengelegt werden, um den Viehstand zu erhöhen. Das Projekt dauerte mehrere Jahre und kostete eine Million Reichsmark. Ende 1939 wurde von den RAD-Männern berichtet:
„Der Reichsarbeitsdienst hat sich in Ehrwald stets besonderer Beliebtheit erfreut, zumal die jungen Menschen unter einer vorzüglichen Leitung standen, die durchwegs in vorbildlichem Geist auf sie einwirkte.“
Übrigens der frühere Bischof von Innsbruck, Dr. Reinhold Stecher, war dazumal auch ein RAD-Mann in Ehrwald und verrichtete dort seinen Reichsarbeitsdienst

RAD-Lager in Ehrwald (Bild: Extra Verren 2916, S. 181)
Arbeitslager
Um etwa 1943 wurde das Landdienstlager und Reichsarbeitslager in Ehrwald zu einem Arbeitslager für polnische und russische Landsleute umgewandelt. Die Baracken befanden sich im Weidach, bei der Gaißtalbrücke, wenn man von Biberwier nach Ehrwald fährt. In diesem Lager wurden ca. 40-50 Leute untergebracht. Diese Männer und Frauen arbeiteten zum Teil in Sägewerken, Einkaufsläden oder in Gasthäusern. Sie wurden auch nach Lermoos gebracht, um dort in den Hotels oder Gasthäusern, wie z.B. im Hotel Drei Mohren oder Hotel Post zu arbeiten.
Die Frauen aus dem Gefangenenlager wurden großen Familien zugeteilt und mussten als Haushaltshilfe dienen, denn Hitler versprach den Familien, die sehr kinderreich waren, Unterstützung. In Lermoos teilte der Ortsgruppenleiter die gefangenen Mädchen einigen Familien zu. Nach der verrichteten Arbeit mussten die Gefangenen wieder zurück ins Lager nach Ehrwald.
Ein Zeitzeuge erzählt:
„Den Gefangenen ging es bei uns gut. Sie wurden wie ganz normale Arbeitskräfte behandelt und gut bei uns aufgenommen. Sie verrichteten ihre Arbeit sorgsam und ordentlich, da gab es nichts. Abends gingen sie dann zu Fuß über das Moos ins Weidach ins Lager. Wenn ich daran denke, wie es unseren Leuten, unseren Einheimischen, die in Gefangenschaft in Russland oder Frankreich waren, ergangen ist, ist es hier den Gefangenen sehr gut gegangen. Unsere Leute kamen mit Krankheiten nach Hause, waren total ausgehungert und zum Teil nicht mehr dieselben Menschen, wie zuvor, als sie ihre Heimat aufgrund des Kriegsdienstes verlassen mussten. Manche kamen ganz verstört und in sich gekehrt zurück, sie konnten das Leid, das sie an der Front und auf dem Schlachtfeld sahen und erlebten, nicht verarbeiten. Das kann man sich gar nicht vorstellen, wie es solchen Menschen erging.“
Kinderlandverschickung – KLV-Lager
Ab 1940 begannen die Luftangriffe auf einige Gebiete im Deutschen Reich und auch auf Österreich. Besonders die Städte waren davon betroffen und wurden bombardiert. Hitler befahl im Oktober 1940, dass die Kinder aus den Luftalarmgebieten gebracht und zum Schutz auf dem Land in Lagern oder privaten Unterkünften einquartiert werden sollten. Da die Nationalsozialisten nichts ohne Hintergedanken machten, war auch diese Aktion sehr gut durchdacht, denn ihnen war nicht nur der Schutz der Jugendlichen und Kindern wichtig, sondern sie konnten das junge Volk fern ab vom Elternhaus und kirchlichen Einfluss auch im Sinne des Nationalsozialismus umerziehen. Die Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren wurden in Lager gebracht, wobei die jüngeren Kinder bei Gastfamilien lebten. In den Lagern wurde meist die Oberaufsicht an die Hitlerjugend übergeben. Die Folgen dieser KLV-Lager waren für die Kinder und Jugendlichen verheerend, denn fast alle hatten früher oder später Heimweh. Sie mussten ihre Heimat verlassen und erfuhren weit weg von ihren Liebsten, dass der Vater im Krieg gefallen war, ihre Wohnung zerstört wurde oder Angehörige verstarben. Da die Werbung der Kinderlandverschickung bei den Eltern nicht besonders gut ankam, verordneten die Nationalsozialisten, dass ganze Schulklassen verschickt werden sollten. Jedoch wehrten sich auch hier viele Eltern dagegen und brachten ihre Kinder und Jugendlichen lieber zu Verwandten, die auf dem Land lebten, um sie so vom Regime und den Bomben zu schützen. Zum Teil wurde den Eltern auch mit einer Todesstrafe gedroht, sollten sie die Kinder nicht ins KLV-Lager bringen. Während der Kriegsjahre wurden etwa 5 Millionen Kinder verschickt, davon wurden 3 Millionen jedoch bei Verwandten untergebracht.
In Lermoos waren ebenfalls drei KLV-Lager, die Kinder beherbergten. In folgenden Gasthäusern wurden Kinder untergebracht:
- Gasthof Hofherr, Besitzer: Ferdinand Hofherr
- Gasthof Edelweiß, Besitzer: Martin Gerber
- Gasthof Loisach, Besitzer: Karl Rieder
Viel ist über diese drei Lager nicht bekannt. Die Aufsicht über diese KLV-Lager in Lermoos hatte der Ortsgruppenleiter.

Gasthof Edelweiß (Gemeindearchiv Lermoos)

Gasthof Hofherr (Gemeindearchiv Lermoos)

Gasthof Loisach (Gemeindearchiv Lermoos)
Quellen:
- Archiv der Gemeinde Lermoos
- Familienarchiv Zoller Viktoria, Lermoos
- Lipp, R. (2016). Extra Verren – 2013. Nationalsozialistische Lager im ehemaligen Kreis Reutte. Museumsverein Reutte
- Tiroler Landesarchiv, Innsbruck