
Kriegshandlungen in Untergarten
Die letzten Kriegstage waren die ereignisreichsten Tage der Geschichte von Lermoos.
Ende April rückten die US-Truppen durch das Engetal nach Grän ins Außerfern bis nach Lermoos vor. In Lermoos befand sich damals das Luftwaffenlazarett und hätte nach der Genfer Konvention weder verteidigt noch angegriffen werden dürfen. Trotzdem beschlossen die deutschen Truppen für den Widerstand zu kämpfen.

Untergarten (Gemeindearchiv Lermoos)
Ab Mitte April 1945 fuhren Kraftfahrzeuge, Pferdefuhrwerke, Luxusautos mit Parteifunktionären durch Lermoos. Diese waren auf der Flucht vor den Besatzungsmächten. Folgendes tragisches Ereignis wurde verzeichnet: Aufgrund des starken Verkehrs am Straßengefälle zwischen dem Schulhaus und Unterdorf wurde ein Kind vom Militärauto erfasst und getötet.
Am 22. April 1945 wurden 90 Junge des Landkreisverbandes und Lermooser zu Schanzarbeiten angehalten, um bei der Rollenmühle (zwischen Lermoos und Lähn) einen Panzergraben zu graben. Die Standschützen von Lermoos mussten am 24. April 1945 nach Reutte einrücken, kamen jedoch am 27. April wegen völliger Aussichtslosigkeit wieder nach Hause zurück.
Am 29. April 1945 fuhr der Kommandeur der 47. Deutschen Division durch Lermoos und hielt im Landhaus Mader (Haus gegenüber Hotel Post – besteht heute nicht mehr) seinen Kriegsrat ab. Der Kriegsrat beschloss, dass der Fernpass weiterhin verteidigt werden und der „Feind“ in Lermoos aufgehalten werden muss. Aufgrund dessen hatte ein deutscher Offizier in Lermoos und Umgebung ca. 50-60 Soldaten zu einer Alarmeinheit zusammengesammelt und diese mit Maschinengewehren und Panzerfäusten ausgestattet. Die Männer wurden auf die Hänge zwischen Gries, Unter- und Obergarten, sowie den „Siebenbränd“ dirigiert, wo sie sich verschanzten, um Widerstand zu leisten. Auch am Lichtenberg wurden Maschinengewehrstände eingebaut und angebracht. Am Westeingang zum Hauptort Lermoos wurden 2 Sturm- und 1 Packgeschütz aufgestellt, die jedoch aufgrund von Mangel an Munition nicht mehr zum Einsatz kamen.
Kein Mensch verstand, was dieser Widerstand noch für einen Wert hatte, denn die Alliierten waren bereits im Inntal angekommen. Der Kampf in Lermoos gefährdete nutzlos die Ortschaft, denn eigentlich hätte der Ort schon längst als Lazarett-Gemeinde erklärt und gekennzeichnet werden sollen.

Landhaus Mader (Gemeindearchiv Lermoos)

Landhaus Mader (Gemeindearchiv Lermoos)
Als sich die US-Truppen am 30. April gegen 6:45 Uhr dem Ortsteil Gries näherten, wurden sie von deutschen Soldaten beschossen, woraufhin sie sich Richtung Lähn zurückzogen. Demzufolge begannen die Amerikaner mit massivem Beschuss auf Gries und Untergarten, der sich bis ca. 11:00 Uhr hinzog. Der Widerstand der deutschen Truppen brachte viel Leid über Lermoos, denn diese Kampfhandlungen forderten einige Tote. Die Zahl der Toten und Verwundeten wäre noch viel größer gewesen, wenn nicht die meisten Einwohner von Untergarten ins Gartnertal geflüchtet wären. Die Häuser gingen in Flammen auf und brannten komplett ab. 74 Personen waren obdachlos geworden und verloren ihr ganzes Hab und Gut. Sie mussten schlussendlich bei Freunden und Verwandten im Dorf untergebracht werden. Es waren jedoch nur wenige Häuser frei, die noch nicht von den Besatzungstruppen in Beschlag genommen worden waren.
Untergarten von amerikanischen Truppen niedergeschlossen und abgebrannt - 1945 (Gemeindearchiv Lermoos)
Die Beschießung war aber noch nicht zu Ende, denn diese ging auf den Hauptort über. Es wurden 15 Häuser zerstört und Menschen kamen ums Leben. Ein Brand konnte noch rechtzeitig gelöscht und damit Schlimmeres verhindert werden. Die Gemeinde war tagelang ohne Wasser und ohne Strom, weil die schweren amerikanischen Panzer die Hydranten beschädigt hatten und die Stromleitungen mehrfach durchschossen wurden. Die Beschießungen hörten gegen 11:30 Uhr auf und die deutschen Soldaten zogen Richtung Biberwier ab. Die amerikanische Panzerkolonne in Gefechtsformation erreichte gegen 12 Uhr den Kirchplatz in Lermoos und machte sich anschließend ebenfalls auf den Weg nach Biberwier. Soweit bekannt ist, kamen bei diesen Kampfhandlungen 11 deutsche Soldaten und 4 US-Soldaten ums Leben.
Maria Opferungskapelle nach dem Beschuss (Gemeindearchiv Lermoos)
Kreuzwegstation Maria Opferungskapelle nach Beschuss (Gemeindearchiv Lermoos)
Ein Zeitzeuge aus Untergarten berichtet:
Ereignisse am 29. April 1945
„Deutsche Truppen nahmen bei ihrem Rückzug 2-tägigen Aufenthalt in Untergarten. Sie hatten den Befehl die vorrückenden Amerikaner bis 12:00 Uhr Mittag, des 30. April aufzuhalten (sie rechneten mit der sogenannten Alpenfestung). Bereits am Abend kam es zu ersten Einschüssen, der aus Reutte vorrückenden Amerikaner am „Lichten Berg“ (oberhalb der Bahn). Noch in der Nacht verließ ich mit meiner Mutter, meinem Bruder Franz mit Frau und einigen Nachbaren unsere Häuser und wir flüchteten zu den Hütten im Gartner Tal. Unsere Hütte war voll mit Leuten, sodass wir kaum Platz fanden. Meine Tante Sophie Krotz und ihr schwer kranker Gatte Hans Krotz blieben mit meiner Schwester Sophie vorerst im Haus. Als die Schießerei stärker wurde, packten sie den kranken Onkel auf eine „Rädelbege“ und schoben ihn zum so genannten „Alpgätterle“ (heute nahe Spitzacker – Weg Richtung Obergarten) wo sie in Schutz der Bäume ausharrten. Das Wetter war zu diesem Zeitpunkt schlecht: Nebel und Schneefall."
Ereignisse am 30. April 1945
Schwester Sophie ging darauf ebenfalls ins Gartner Tal zu den anderen Flüchtlingen, kehrte aber gemeinsam mit Rosa Entstrasser und Wacker Maria zurück nach Untergarten. Sie gerieten oberhalb des Ochsenbichels (wo sich jetzt der Zaun befindet) unter Beschuss und kauerten sich dicht aneinandergedrängt hinter einen Baum. Wacker Maria wurde in die Brust getroffen und Entstrasser Rosa, (wahrscheinlich durch einen Granateinschlag) 50 m weiter geschleudert – sie wies keine äußeren Verletzungen auf. Meine Schwester Sophie blieb unverletzt, musste ihre toten Gefährtinnen zurücklassen und rutschte in Schrecken und Panik über den steilen, schneebedeckten Ochsenbichel und lief zum bereits brennenden Haus, um unsere 9 Stück Vieh ins Freie zu lassen. Ich selbst beobachtete die Ereignisse vom sog. Bunker* (unterhalb des Gartjoches) wohin ich mich noch in der Nacht begeben hatte. Von dort aus konnte ich genau beobachten, wie ein Haus nach dem anderen in Brand geschossen wurde. Um 10:00 Uhr Vormittag wurde das erste Haus (vermutlich Schonger) in Gries getroffen. Unser eigenes Haus ging um 11:00 Uhr in Flammen auf. Unsere Nachbarin Anna Sonnweber ging in den Keller und musste diesen, als das Haus getroffen wurde, verlassen. Sie wurde unweit ihres Hauses (ungefähr, wo heute das Haus Untergarten 27 steht) erschossen. Am Nachmittag, des 30. April 1945 kehrten mein Bruder Franz und ich nach Untergarten zurück und begannen mit der Bergung der Toten. Wir legten die Leiche von Maria Wacker auf Äste und zogen sie über den schneebedeckten Ochsenbichel zum einzigen unversehrten Haus (Raffl’s Haus – heute Berghof“) und legten sie in den Schuppen, wo bereits die Leiche von Ilse Christomanus lag. Während des Abtransportes wurden wir von amerikanischen Soldaten von der Straße aus gesehen und unter Beschuss genommen. Die Leiche von Entstrasser Rosa konnten wir daher erst am nächsten Tag bergen. In der Zwischenzeit wurde die Leiche von Frau Anna Sonnweber zum Schuppen gebracht. Untergarten war zu diesem Zeitpunkt, mit Ausnahme von „Raffl’s“ Haus, das von der Straße aus nicht leicht einsehbar war, in Schutt und Asche gelegt. Nur die Kamine ragten aus den rauchenden Trümmern. Es herrschte großes Chaos. Die meisten Tiere konnten rechtzeitig aus den brennenden Ställen getrieben werden, einige Kühe und Schafe verbrannten jedoch (von Koch Anna „Deresler’s Anna). Meine Schwester Sophie brachte unsere 9 Stück Vieh zunächst zu unserer älteren Schwester Maria Vögele nach Wengle. Am 2. Tag nach der Katastrophe kehrten nach und nach alle Obdachlosen aus dem Gartner Tal zurück und kamen mit ihrem Vieh bei Verwandten und Bekannten unter. Unser kranker Onkel Hans wurde mit seiner Frau auf einem Leiterwagen zum Poberschnigg Haus nach Lermoos gebracht, wo er bis zu seinem Tod 1946 blieb.
Da wir vorerst keine Unterkunft hatten, kehrten wir ins Gartner Tal zurück. Ich machte mich gleich wieder auf den Weg zurück zu den Resten unseres Hauses, um nach Brauchbarem zu suchen. Ich fand in den Trümmern, die einzige, unversehrt gebliebene Zentrifuge in Untergarten, und auch der Küchenkasten war noch brauchbar. Dieser Umstand ist dem Zufall zu verdanken, dass die Wasserleitung getroffen wurde und Wasser auf die Gegenstände spritzte. Ich machte mich nun auf den Weg zum gerade erst fertig gestellten Haus meines Bruders, Haus Mott (heute Talblick), der noch vermisst war. Auch dieses Haus hatte zwei Volltreffer im Keller. Mein Bruder Franz und ich richteten die Schäden wieder und machten das Haus bewohnbar. Meine Schwägerin Mali Mott wohnte zu diesem Zeitpunkt in ihrem Elternhaus beim „Kruz“. Wir zogen in das Haus meines Bruders ein und errichteten Ende Mai in unserem Anger in Untergarten ein notdürftiger Stall (4 Säulen und ein Dach) für unser Vieh.
Nachdem wir alle unser Hab und Gut verloren hatten, erhielt ich vom amerikanischen Kommandanten von Lermoos Erlaubnis Uniformstücke (deutsche oder amerikanische) ohne Hoheitsabzeichen zu tragen. Für den Winter bekam ich einen Stall hinter dem heutigen Hotel Edelweiß zugewiesen, wo wir auch, das im Sommer geerntete Heu lagern konnten. Von den Amerikanern erhielt ich die Erlaubnis die Milch in einer sog. „Milchbutte“ zur weiteren Verarbeitung zum Haus meines Bruders zu tragen. Mit dem Wiederaufbau wurde, unter Leitung vom Vater des späteren Landeshauptmannes, Wendelin Weingartners, bereits im Jahre 1945 begonnen, und zwar mit den Häusern der Fam. Wacker und Sonnweber. Mit unserem Haus wurde erst 1946 begonnen. Zuerst wurde der Stall gebaut und meine Mutter und ich zogen an meinem Geburtstag am 15.12.1946 in den Vorraum unseres Stalles ein, den wir notdürftig, während des Winters bewohnten. Meine Mutter erkrankte in diesem sehr kalten und feuchten Raum. 1947 wurde das Wohnhaus zugebaut und ich konnte nach meiner Hochzeit, am 24.11.1947 mit meiner Frau Maria, meiner Mutter und meiner Tante ins neue Haus ziehen.
Der Wiederaufbau wurde von der Stadt Wohlen in der Schweiz tatkräftig unterstützt, indem sie Bekleidung, Installationsmaterial und andere nützliche Gegenstände spendeten. Wir waren für diese Hilfe sehr dankbar, aber bis heute konnte leider kein Zeitzeuge die Stadt Wohlen selbst besuchen.“
Untergarten (Gemeindearchiv Lermoos)
Christoph Dohrn – Retter in letzter Sekunde
Christoph Dohrn ist der Schwager von Christoph Probst und war zurzeit um den 29. April 1945 Patient des Luftwaffen-Lazarettes Lermoos. Wegen seiner Beinverletzung blieb er bei seiner Schwester Herta Probst in Untergarten. Er beobachtete, dass seit einigen Tagen die deutschen Truppen aus Untergarten abzogen. Die Lermooser Bevölkerung vermutete, dass sich die Truppen zurückzogen, weil Lermoos ein Lazarett-Dorf war und nicht beschossen werden durfte.
Leider war dies eine falsche Vermutung, denn Christoph Dohrn musste eines Nachts feststellen, dass deutsche Truppen unter der Führung mehrerer Offiziere vor den Häusern Untergartens, Gries und der Straße nach Lermoos in Stellung gingen. Aufgrund ihrer Ausrüstung konnte vernommen werden, dass hier größerer Widerstand geplant war. Die Truppen marschierten die Straße mit MGs, Panzerfäusten usw. auf und ab und nahmen Stellung ein.
Am 30. April 1945 verließ der Großteil der Bevölkerung Haus und Hof und flüchtete in die Berge. Christoph Dohrn war klar, was passieren würde, wenn die Geschütze anfingen zu schießen und Widerstand geleistet wird. Er versuchte der Bevölkerung zu helfen und wollte die Einheitsführer und Soldaten der Kampfgruppe von ihren Vorhaben abbringen. Christoph Dohrn vermittelte ihnen, dass sich in Lermoos mehrere Lazarette mit hunderten Schwerverletzten und Kranken befindet und nicht beschossen werden darf. Das Einzige, was der mutige Mann erreichen konnte, war jedoch lediglich, dass sein Haus, in dem er sich befand, mit einer Roten-Kreuz-Fahne gekennzeichnet und ihm ein Sanitäter aus der Kampfgruppe zur Seite gestellt wurde.
Um 6:45 Uhr rückten die Amerikaner Richtung Untergarten vor und wurden bereits von den deutschen Kampfgruppen unter Beschuss genommen. Die Artilleriebeschüsse auf Lermoos setzten gegen 7:00 Uhr ein. Panzer und Maschinengewehre kamen zum Einsatz und das Gasthaus Gries ging in Flammen auf.

Gries (Gemeindearchiv Lermoos)
Der Widerstand wurde weniger und die deutschen Soldaten nutzten diese Chance, um sich im Ortsteil Untergarten zurückzuziehen. Dies hatte zur Folge, dass auch diese Häuser unter Beschuss gerieten.
Einige Soldaten erkannten, dass der Kampf ausweglos war. Sie waren bereit, den Kampf einzustellen und ihre Waffen niederzulegen. Andere hingegen wurden durch Vorgesetzte gezwungen weiterzukämpfen und Widerstand zu leisten. Als die Amerikaner keine weiteren Häuser beschossen, wurde das Gefecht in Untergarten gegen 11:00 Uhr eingestellt.
In Gries wurde Aufstellung der amerikanischen Panzer- und Infanteriekräfte genommen und die amerikanischen Kampfkommandanten richteten ihren Gefechtstand in der Kapelle ein. Zu diesem Zeitpunkt fasste Christoph Dohrn seinen ganzen Mut zusammen und wollte gegen die Beschießung von Lermoos etwas unternehmen. Er machte sich trotz Verletzung, die 200 m bis zur Kapelle auf den Weg. Kaum war er bei der Kapelle in Gries angelangt, hörte er wie die Amerikaner weitere Beschüsse auf Lermoos anforderten. Er erklärte erneut den Kommandanten, dass es in Lermoos mehrere Lazarette gäbe mit hunderten von Verletzten und Kranken, die dort betreut werden. Christoph Dohrn entschied sich, seine Person für Lermoos zu opfern und erklärte den Truppen, dass er sich als Kugelfang auf den Panzer sitzen und somit für seine Aussage bürgen würde. Die amerikanischen Truppen sollten mit ihm bis ins Dorf nach Lermoos hinunterfahren. Sogleich wurde die Beschießung eingestellt und ein amerikanischer Arzt hob Dohrn auf einen Sherman-Tank und eine Frau reichte ihm ein weißes Tuch, das er an seinem Gehstock befestigte. Der Panzer fuhr mit Christoph Dohrn, der das weiße Tuch schwenkte, durch die ganze Ortschaft Lermoos. Gegen 12:05 Uhr waren sie beim Hotel Drei Mohren angelangt. Die Truppen sahen, dass sie Lermoos nicht weiter beschießen durften und alle weiteren Vorhaben wurden unterbunden. Dank dem großen Mut und Einsatz von Christoph Dohrn konnten die Lermooser aufatmen, denn die Ortschaft wurde von weiteren Kampfhandlungen verschont.
Ihm gilt ein großer DANK und eine große ANERKENNUNG für seine Tatkraft!

Untergarten vor der Zerstörung (Gemeindearchiv Lermoos)

Lermoos (Gemeindearchiv Lermoos)

Wehrmachtsausweis (Gemeindearchiv Lermoos)

Gries (Gemeindearchiv Lermoos)

Untergarten (Gemeindearchiv Lermoos)

Gries (Gemeindearchiv Lermoos)

Gries-Puite (Gemeindearchiv Lermoos)

Gries (Gemeindearchiv Lermoos)

Haus Flora in Gries (Gemeindearchiv Lermoos)

Obergarten 1890 (Gemeindearchiv Lermoos)
Quellen:
- Archiv der Gemeinde Lermoos
- Mader, F. (1955). Kriegsereignisse in Lermoos. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner.
- Moser, H. (2004). Lermoos. Lermoos: Gemeinde Lermoos.
- Lipp, R. (11. Mai 1995). 1945: Der amerikanische Vorstoß zum Fernpaß. Außerferner Nachrichten Nr. 19, S. 12.